Der Clown bringt zum Lachen, aber lacht auch der Clown?

Die Karriere des internationalen Musik-Duos Lacrimosa dauert seit 1990 an, und in diesem Zeitraum hat sich die Band einen Namen als Hauptvertreter der gotischen Musikszene gemacht.

Viele weißschwarze Figuren sind unverkennbare Konstanten der Coverillustrationen von Lacrimosa. Sie verkörpern die prägnanten Titel des Duos. Die figurativen Leitmotive sind vielgestaltig: Bilder der zwei Musiker Tilo Wolff und Anne Nurmi, daneben verführende Frauen vor düsterem Hintergrund, ein Segler zwischen scharf felsigen Klippen und vor allem immer wieder ein enigmatischer Clown.
Der Spaßmacher mit dem spitz zulaufenden Hut erscheint schon 1991 als Jongleur auf dem Coverbild des Debütalbums „Angst“ von Lacrimosa, und er sticht auch auf zahlreichen nachfolgenden Coverillustrationen des Duos hervor.
Im Laufe der Zeit sind einige Eigenschaften der Gestalt unverändert geblieben. Vor allem fällt sicher die Einsamkeit des Clowns auf, die fast fühlbar ist. Zum Beispiel sitzt er auf dem Coverbild des 1992 erschienen Lacrimosa-Albums mit gesenktem Kopf mitten in einer Wüste. Diese Album trägt den Titel „Einsamkeit“. Auf der Coverillustration der Langspielplatte „Stille“ (1997) ist der Schauplatz grundlegend geändert, aber der Zustand des Clowns ändert sich hingegen absolut nicht: Er steht nämlich auf einer Bühne vor einem menschenleeren Parkett. Er hält in seiner Hand eine Geige mit einem Streichbogen. Hat die Zuhörerschaft schon Abschied genommen? Oder ist sie zur Darbietung noch nicht erschienen? Vielleicht starrt der weiß geschminkte Geiger absichtlich auf die entfremdende Leere und auf das Schweigen?
Tatsächlich kommen die Absichten des Clowns nicht klar zum Vorschein, auch seine Persönlichkeit ist ein Rätsel. Eines hingegen ist offensichtlich: Er besteht aus Kontrasten. Das zeigt schon sein Kostüm.

Wenn man den Text des Liedes „Kelch der Liebe“ von Lacrimosa aus dem Album „Lichtgestalt“ (erschienen 2005) liest, findet man eine Anspielung auf die Zweiheit dieser Gestalt: Der Clown ist eine «schattenreiche Lichtgestalt» und ein «schattenhafter Liebender». Der Text hebt auch hervor, dass der ruhelose Spaßmacher sich seiner Isolation bewusst ist: Er zeigt sich nämlich «namenlos, ausgesperrt und abgelehnt».
Aber der Clown findet sich nicht gänzlich mit seinem Schicksal ab. Er gibt dem Verlangen der Menschen nach, aber er geht trotzdem seinen Weg auf der Suche nach Liebe unerschütterlich weiter. Die Entschlossenheit ist wirklich eine wesentliche Eigenart dieser Figur. Das bemerkt man sofort, wenn man die geschminkten Augen des Clowns auf der Coverillustration des 2015 publizierten Lacrimosa-Albums „Hoffnung“ beachtet. Und dasselbe gilt auch, wenn man die stolze Haltung der Gestalt auf dem Coverbild von „Revolution“ (2012) betrachtet.
Der entschlossene Spaßmacher geht nach dem «Kompass des Herzens» weiter. Er besteht auf seiner Suche, obwohl er selbst zugibt, dass «nur die Sehnsucht ist, was bleibt». Hier kommt nochmals die Dualität des Clowns heraus. Entschiedenheit und Enttäuschung bewohnen eng verbunden sein Herz. Liebe und Sehnsucht trägt er ständig in sich wie zwei Seiten derselben Münze. Es handelt sich um Gegensätze, die wie Licht und Schatten nicht zu trennen sind.

Die Persönlichkeit der Figur mit bleichem Gesicht liegt im Helldunkel, mehr noch: Die Figur selbst personifiziert das Helldunkel. Starke Emotionen und unerfüllte Wünsche treiben den Clown zwischen den Innenkontrasten des Menschseins an. Der innerliche Kampf dauert unsichtbar und still an, denn die Gemütslagen sind oft unbeschreibbar, sogar wenn der Clown Ruhe und Erleichterung findet, wenn alles sich harmonisch am Platz einfindet. Die Stille ist die höhnische Antwort auf das Streben der tragikomischen Gestalt. Am Ende wird der Mangel an sowohl ausgesprochenen als auch gehörten Wörtern eine andere Eigentümlichkeit des Clowns von Lacrimosa.

Das impliziert eine Ähnlichkeit zwischen ihm und einer anderen Figur, die man als echten Archetyp desselben Clowns betrachten kann, und zwar die Gestalt der Commedia dell’Arte: Pierrot (aus dem italienischen Namen „Pedrolino“).
Auch dieser sentimentale, schwermütige Mime hat nämlich in der Rätselhaftigkeit des Schweigens seine einzigartige Ausdrucksform, obwohl er ursprünglich von ganz anderer Natur gewesen ist. Zum Beispiel interpretierte er in den Komödien des siebzehnten Jahrhunderts die Rolle eines Bauern oder eines Dieners nach der Vorlage von Molière (Pseudonym für Jean – Baptiste Poquelin, 16221673) und anderen Lustspielautoren, die sich Pierrot als geeignet für Gesang und je nach Fall schlau oder dumm vorstellten.
Am Ende des siebzehnten Jahrhunderts fand diese Figur in Frankreich ihre endgültige Anerkennung und die vorläufige Festlegung der wesentlichsten Merkmale ihres Aussehens: Pierrot trug eine weite weiße Jacke, auch seine Hose und die Schuhe waren weiß. Ein weiteres Kennzeichen war die Schärpe um seinen Kopf. Das Bild „Pierrot“ (1718 – 1719) des französischen zeitgenössischen Künstlers Jean – Antoine Watteau (16841721) stellt eine getreue Wiedergabe des Kostüms dieser Gestalt dar.
Aber das Bild zeigt auch die innere Veränderung Pierrots im Vergleich zu früher. Sein Ausdruck erscheint weder schlau noch dumm: Schon zeigt sich die distanzierte Melancholie einer Person, die in Überlegung versunken ist. Im Laufe der nachfolgenden Jahren spitzt sich die Entfremdung und der Rückzug Pierrots in die Innerlichkeit zu. Er verzichtet auf die Sprache und erreicht schließlich als Mime seinen Höhepunkt im künstlerischen Ausdruck. So findet Pierrot in der Stille sein einzigartiges Mittel, um seine Bestimmung zu erreichen.

Im neunzehnten Jahrhundert brachte der französische Schauspieler Jean-Gaspard Debureau (17961846) die Ausdrucksstärke dieses leidenschaftlichen, romantischen Mimen zur Perfektion. Inzwischen änderte sich auch teilweise sein Kostüm: Eine schwarze Kappe löste der Schärpe ab und die weiße Jacke war übersät mit großen schwarzen Knöpfen.
Diese unverkennbaren Merkmale sind bis zum heutigen Tag unverändert geblieben, und alles deutet darauf hin, dass sie das Duo Lacrimosa als Entwurf seines Clowns inspiriert haben. Denn Lacrimosas Clown ist tatsächlich der geistige Nachfolger von Pierrot in der Seele als auch im Aussehen, wie wir dies bisher feststellen konnten. Vielleicht hat der Mime dem Clown auch seine geheime Hoffnung vererbt, dass jemand im Publikum irgendwann das Rätsel hinter seiner entfremdenden Stille lösen kann? Bevor der Vorhang fällt, hat man Zeit, das Geheimnis zu entdecken: Lassen wir also das Schauspiel beginnen…
Paolo Crugnola