Erscheinungsjahr: 2012
Website: http://www.lunaraurora.de/

 All artwork © Benjamin König (http://sperber-illustrationen.blogspot.com/)

Gibt es dort etwas? Jenseits des Tors? Unter den Bäumen? Am Fenster?

Wenn man sich in Metaphern ausdrücken wollte, könnte man die Gemälde des deutschen Künstlers Benjamin König auf diese Weise beschreiben: Sie bestehen aus gedämpftem Geflüster, schummrigen Lichtern und dem wahrhaften Wesen des Halbschattens.

Die Gegenstände in Königs Bildern kann man generell kurz zusammenfassen. Manchmal fehlen geradezu die Gestalten, und die Darstellung beschränkt sich auf einen Waldpfad oder auf wenige Stufen vor einer dunklen Schwelle.
Aber es ist nicht wesentlich bedeutend, ob eine Szene menschenleer ist oder nicht: Auf jeden Fall starrt man auf sie, und gleichzeitig starrt die Szene auf uns. Es gibt nämlich etwas Unbestimmtes und Unbestimmbares in den Gemälden von König: Sie reizen zur Unruhe. Ich persönlich finde, dass die Augen spontan vor den Bildern dieses Künstlers reagieren. Sie betrachten das Gemälde tatsächlich aufmerksam, um eine verborgene Gefahr zu entdecken.

Welche Gefahr? Es ist nicht einfach, sie explizit zu benennen, denn es gibt keine wirkliche „Enthüllung des Geheimnisses“ in den Gemälden von Benjamin König. Die Spannung beherrscht die Szene und nimmt niemals ab. Vielleicht ist „Gefahr“ sogar nicht das passende Wort, um das eingeflossene Gefühl zu schildern. Genauer gesagt sollte man die Bezeichnung „Bedrohung der unaussprechlichen Gefahr“ benutzen.
Weder in farbenfreudigen noch in dunklen Szenen findet nämlich etwas Gewaltsames statt. Es handelt sich vielmehr um den Augenblick vor einem unheimlichen Vorfall, dessen Täter gesichtslos, formlos und deshalb umso beängstigender ist. Königs Kunst stellt wirklich die düsterste und vage Essenz von Volksmärchen dar, welche nämlich die Sujets zahlreicher Bilder des Malers sind.

In diesen Darstellungen spielt die Natur eine führende Rolle. Man kann einfach einige natürliche Gegenstände aufzählen, die Leitmotive der Bildner sind: öde Pfade, Helldunkel zwischen den Ästen, flimmernde ferne Lichter (die oft dünne Kerze sind) oder kahle Berge. Aber auch die Stille ist eine Konstante in den Landschaften von König. Man kann den Mangel an Klängen in seinen Bildern fast fühlen. Als Beispiel dafür kann man viele Gemälde des Malers mit schneegedämpften Panoramen nennen. In diesen zeigt sich der ausdrucksvollen Höhepunkt. Ich glaube nämlich, dass es dem Künstler gelingt, einen ultimativen Weltwinter mittels wenigen essentiellen Pinselstriche zu erschaffen.
Lassen Sie mich jetzt zwei Werke des Malers als Rekapitulation genau betrachten, die alle entscheidenden Eigenschaften der Kunst von König enthalten. Es handelt sich um die zwei Coverbilder, die man am Anfang dieses Artikels anschauen kann. Sie sind die Coverillustrationen der Musik-CD „Hoagascht“ der deutschen Black-Metal-Band Lunar Aurora
und der Vinyl-Fassung desselben Albums.
Das Album wurde 2012 veröffentlicht. Leider existiert die Band nicht mehr. Trotzdem sollte man die Mitglieder von Lunar Aurora kennenlernen, um die enge Verbindung zwischen dem Coverbild, den Texten, der Musik, dem Inhalt und schließlich die Wirkung des Albums zu entdecken.

Die Band bestand aus zwei Musikern: dem Sänger Whyrdh und dem vielseitigen Instrumentalisten Aran. Letzterer erweist sich tatsächlich als ein Pseudonym für den Künstler König.
Es ist deshalb kein Wunder, dass die Lieder von dem Album „Hoagascht“ die wahre Umsetzung der Illustrationen des Künstlers in Wort und in Musik sind. Dazu lassen sich folgende Beispiel anführen.

Zunächst fällt es auf, dass alle Lieder des Albums um den ortsgebundenen Geist und die Volksmärchen des bayerischen Heimatlandes der zwei Musiker kreisen. Auch alle Texte, angefangen mit dem Titel, der „Freie Sammlung von Volksmusikern im Garten eines Hauses“ bedeutet, wurden im bayerischen Dialekt verfasst, um wahrscheinlich die Darstellung der Themen zu verstärken.

Weiters kann man leicht feststellen, dass die Leitmotive der Natur im Album „Hoagascht“ immer wieder auftreten. Beispielweise kann man sowohl „den krummen Weg“ als auch „das alte Haus, wo noch ein Licht flackert“ des Albumliedes „Wedaleichtn“ („Wetterleuchten“) in vielen Gemälden des Künstlers wiedererkennen.

Außerdem fällt dem Zuhörer beim Lied „Nachteule“ natürlich sofort die Eule im Coverbild der Musik-CD ein. Und zuletzt erinnern die Beschreibungen der öden und eisigen Berglandschaften in den Liedern „Beagliachda“ („Berglichter“) und „Håbergoaß“ (die eine legendäre dämonische Waldgestalt ist) an das Cover der Vinyl-Fassung von dem Album „Hoagascht“.

Was die Musik anbelangt haben die Heavy-Metal-Fans unter euch vielleicht schon intuitiv erfasst, dass das stimmungsvolle Black-Metal von Lunar Aurora am geeignetsten die beunruhigende Atmosphäre in Königs Bildern umsetzt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass im Album „Hoagascht“ alle künstlerische Elemente von Benjamin König sich zu einem Kreis schließen. Die Bilder der Covers stehen nämlich im gegenseitigen Einklang mit der Musik und mit den Texten des Albums: Im übertragenen Sinn gehen der Maler und der Musiker deswegen zusammen auf den Weg an den Hoagascht voran. Inzwischen raschelt vielleicht etwas im Unterholz …

Hinweis für die Leser
Wenn sie eine andere einzigartige deutsche heavy metal Bande kennenlernen wollen, die dämmerige Gefühle in dem Zuhörer wachrufen kann, finden Sie bitte einen Artikel über das Duo The Vision Bleak unter folgendem Link: https://www.artovercovers.com/2021/03/11/der-wanderer-und-der-suchende-the-vision-bleak-auf-den-wegen-des-malers-friedrich/
Paolo Crugnola